Dr. Matthias Zimmer MdB
Dr. Matthias Zimmer MdB
Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2010 - Wir werden am 30 Juni einen neuen Bundespräsidenten wählen. Nicht über einen Star für Oslo abstimmen oder in einen me­dialen Wettbewerb verfallen, wer in Deutschland der neue Super­star sein wird.

 

Das muss man sich angesichts der von den Medien verstärkten, vielleicht zum Teil auch geschaffenen Aufregungs­kulisse deutlich machen.

Der Bundespräsident ist ein po­litisches Amt, das mit sehr guten Gründen von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes einer formellen Wahl mit vorhergehen­dem Wahlkampf entzogen wor­den ist. Es geht also nicht darum: Wer ist der populärste, der schönste, der am meisten distin­guierte Bürger dieser Republik. Es geht darum, dass durch die Bun­desversammlung eine Person ge­wählt wird, die dann über den Parteien stehend die Bundesrepu­blik repräsentiert.

Deshalb ist die Entscheidung eine politische, auch die Amtsfüh­rung des Bundespräsidenten ist politisch: überparteilich, aber nicht unparteiisch.

Die Mediendiskussion ist au­genblicklich geprägt von der Sehnsucht nach dem Unpoliti­schen. Das lag uns schon von je­her. Thomas Mann hat dieser Geisteshaltung mit den „Betrach­tungen eines Unpolitischen" ein trauriges Denkmal gesetzt. Es ist genau diese Geisteshaltung gewe­sen, die einen Reichspräsidenten Hindenburg möglich gemacht hat. Der Unpolitische, der Ersatz­kaiser, der vorgeblich über den Parteien steht und eine väterlich- wohlwollende Autorität aus­strahlt: Das ist die geheime Sehn­sucht, die auch die Diskussionen um die Wahl des Bundespräsiden­ten befeuert.

Aktive Politik

Gegenüber dem Kandidaten Gauck, dessen Biographie ja span­nungsreich ist, wird Christian Wulff als bloßer Politiker denun­ziert. So, als sei es geradezu unan­ständig, sich der Politik zu wid­men und ein großes Bundesland erfolgreich zu regieren. Nein, die­ser Versuchung, Politik in schlech­tester deutscher Tradition herab­zusetzen, gilt es zu widerstehen.

Alle Bundespräsidenten vor Horst Köhler kamen aus der akti­ven Politik, waren Parteivorsit­zende, Landes- und Bundesminis­ter, Ministerpräsidenten. Sie alle haben unser Land gut repräsen­tiert. Sie waren also vor ihrem Amtsantritt als Bundespräsident in politischer Verantwortung, sie waren öffentliche Personen. Über ihre politischen Grundüberzeu­gungen konnte es ebenso wenig einen Zweifel geben wie über ihre Amtsführung als Bundespräsi­dent und ihre Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten Kurs zu halten. Wofür aber steht der Kandi­dat Joachim Gauck?

Hoffnung einer Generation

Gauck steht für den Widerstand gegen Diktatur und Unfreiheit und die Aufarbeitung der Vergan­genheit der DDR. Verdienstvoll, gewiss. Mit seiner sonoren Stim­me und dem distinguierten Auf­treten erfüllt er auch eine Sehnsucht nach väterlicher Autorität. Dass er gerade von Parteien vorgeschlagen worden ist, die eine solche Autorität ansonsten rund­weg ablehnen, mag nicht nur ihm als Ironie der Geschichte erschei­nen. Aber er steht nicht für einen Bild des zukünftigen Deutsch­lands, sondern für die Kämpfe der Vergangenheit.

Da hat Christian Wulff deutlich mehr zu bieten: als Repräsentant einer jüngeren Generation, als Ministerpräsident, der Integrati­on ernst nimmt und erstmals eine Muslima in ein Ministeramt erho­ben hat. Als mitfühlender Konser­vativer, aber auch als junger Fami­lienvater. Der amerikanische Präsident erscheint uns jugendlich, nicht nur aufgrund seiner beiden schulpflichtigen Kinder. Wäre es so falsch einmal einen deutschen Präsidenten zu haben, dessen Amtssitz mit dem Lachen und To­ben kleiner Kinder angefüllt ist? Sind es nicht gerade auch Famili­enferne und Kinderlosigkeit in weiten Teilen unserer Gesell­schaft, die zum Problem werden?

Christian Wulff wäre ein Präsi­dent, der in die Zukunft weist. Er wäre, wie alle anderen aktiven Po­litiker vor ihm, die in das Amt kommen, ein verbindlicher, über den Parteien stehender und durchsetzungsfähiger Präsident. Er hat Brücken geschlagen, wie es Johannes Rau mit dem Wort „Ver­söhnen statt spalten" auf den Punkt gebracht hat. Er ist nicht nur der Kandidat meiner Partei, sondern mehr noch: meiner Ge­neration und all der Hoffnungen, Erwartungen, Erfahrungen und Brüche, mit denen diese Generati­on aufgewachsen ist und das Ge­meinwesen mitgestaltet. Auf ei­nen solchen Präsidenten freue ich mich. Deshalb gebe ich meine Stimme in der Bundesversamm­lung Christian Wulff.

 

ZUR PERSON
 
Matthias Zimmer ist seit der Bundes­tagswahl 2009 Mitglied des Parlaments in Berlin. Er trat für die CDU in Frankfurt am Main an. In den westlichen Stadttei­len hat Zimmer seinen Wahlkreis.

Mit der Arbeitsmarktpolitik und der Wissenschaft beschäftigt sich der Parla­mentarier in seiner ersten Legislaturpe­riode, in die überraschenderweise die Neuwahl eines Bundespräsidenten fällt.

Als Politikwissenschaftler
habilitierte sich der ideengeschichtlich geschulte Zimmer an der Universität zu Köln.

Mitglied der CDU ist Zimmer, Jahrgang 1961, bereits seit 1979. Im Jahr 2005 wurde er Kreisvorsitzender der CDA in Frankfurt am Main, seit 2007 ist er Bei­sitzer im Kreisvorstand der Partei. Seit dieser Zeit steht er auch dem Verein „Zu­kunft der Arbeit" vor
 

 

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