Martin-Benedikt Schäfer, Vorsitzender der Jungen Union Frankfurt
Martin-Benedikt Schäfer, Vorsitzender der Jungen Union Frankfurt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Oktober 2015 - Martin-Benedikt Schäfer ist Jurist und beschäftigt sich mit Brautpreisverhandlungen in Afrika. Als Vorsitzender der Jungen Union stehen seine Chancen für die Kommunalwahl nächstes Jahr gut.

Martin-Benedikt Schäfer hat die Lizenz. Die Lizenz zum Radeln. Bekommen hat er sie, weil der Vorsitzende der Jungen Union jedes Jahr mehr als 10 000 Kilometer im Verein Rennrad fährt. Regelmäßig nimmt er an Rennen teil. Er sagt: „Wer nicht 90 Minuten einen Vierziger-Schnitt schafft, muss gar nicht antreten.“ Schäfer schafft so einen Schnitt. Jede Woche trainiert er vier- oder fünfmal, meistens abends. Dann startet er von seiner Wohnung in Oberrad aus in die Region. Zwei Stündchen strampeln. „Das ist perfekt zum Abschalten nach der Arbeit und nach der Politik.“

Schäfer, 29 Jahre alt, 1,70 Meter groß, ledig, hat Jura studiert. „Typisch JUler“, sagt er und grinst. Allzu ernst nimmt er sich nicht. Für eine Karriere in der Politik kann das helfen, vor allem, wenn es darum geht, sich nicht alles zu Herzen zu nehmen. Parteiinterne Ratgeber im Range von Mentoren gibt es nicht. Er braucht sie auch nicht. „Ich bin mein eigener guter Ratgeber“, sagt er. Und als er merkt, dass das für all jene arrogant klingen könnte, die nicht sehen, wie unarrogant er gerade guckt, fügt er hinzu: „Ich drücke es lieber so aus: Am Schluss verlasse ich mich auf meine eigene Meinung.“ Über sein Ziel, nächstes Jahr Stadtverordneter für die CDU werden, hat er aber schon gesprochen. Zum Beispiel mit seinen Eltern. Regelmäßig fragt er auch Außenstehende nach ihrer Meinung. „Ich will wissen, wie ich auf sie wirke.“ Schäfer findet das wichtig. Zu viele Politiker wüssten nicht, was normale Bürger über sie dächten.

Politisches Interesse hatte Schäfer, der in Oberrad an der Grenze zu Sachsenhausen aufgewachsen ist, schon früh. Er war noch keine 16, als er in die JU und in die CDU eintreten wollte. Doch er wurde wieder weggeschickt: zu jung. Schäfer engagierte sich daraufhin in der Schüler-Union und wurde deren Vorsitzender. 2002, endlich 16 Jahre alt, trat er dann in Partei und Nachwuchsorganisation ein. Warum in die CDU? „Warum nicht?“, fragt Schäfer zurück. Seiner Ansicht nach stellt die Partei als einzige die Freiheit des Individuums stärker in den Mittelpunkt als die Eingriffsmöglichkeiten des Staates. Zugleich trete die CDU dafür ein, dem Staat an wichtigen Punkten solche Möglichkeiten eben doch zu geben.

Wer Schäfer hört, merkt, dass er klar im Kopf ist. Und schnell dazu. Er hat eine eigene Meinung, die er auch äußert. Die Rente mit 63 findet er falsch. Angst vor einer neuen Welle des Ausländerhasses wegen der steigenden Flüchtlingszahlen hat er nicht. „Es ist heute anders als damals in Rostock-Lichtenhagen. Ich glaube, dass die Gesellschaft wesentlich weiter ist.“ Weil Schäfer nicht den Eindruck erwecken will, er nähme das Thema nicht ernst, fügt er hinzu: „ohne das Thema kleinreden zu wollen“.

Nicht typisch JUler ist, dass er parallel zum Referendariat angefangen hat, Ethnologie zu studieren. Andererseits passt das auch zu ihm, weil er sich im Jura-Studium auf Völkerrecht konzentriert hat. Wegen der Ethnologie wird er von zwei Seiten komisch angeschaut: von den anderen Ethnologie-Studenten, weil er in der JU ist, und von den JU-Leuten, weil er Ethnologie studiert. Bis zum nächsten Frühjahr will er weitermachen, dann hat er den Bachelor. Danach kann er sich vorstellen, als Anwalt zu arbeiten. Bis dahin aber stehen Themen wie die Brautpreisverhandlung in Nordwestafrika auf dem Plan.

Schäfers Chancen für die Kommunalwahl im nächsten Jahr stehen nicht schlecht. Nach internem Hin und Her rangiert er auf Platz 23 der CDU-Liste. Falls die Partei am 6. März nicht abstürzt, dürfte er Mitglied der neuen Römer-Fraktion werden. Mit Mirko Trutin und Yannick Schwander stehen weitere JU-Kandidaten auf den Plätzen 24 und 26. Und auch Sara Steinhardt hat auf Platz 33 noch Chancen auf einen Rathausplatz. Schäfer sagt, es sei für ihn nicht entscheidend, ob er als Vorsitzender vor den anderen JU-Mitgliedern stehe. „So hat mich die Eitelkeit nicht gepackt. Aber ich finde, dass der JU-Vorsitzende nicht auf Platz 80 gehört.“ Immerhin ist die Junge Union mit etwa 1000 Mitgliedern die größte politische Nachwuchsorganisation in Frankfurt – und unersetzlich im Wahlkampf.

Seiner Partei hält Schäfer zugute, dass sie den Hebesatz der Gewerbesteuer trotz vieler Forderungen gehalten hat. Auch die mittlerweile 35 Kunstrasenplätze überzeugen den einstigen defensiven Mittelfeldspieler. Für eine sehr gute Leistung hält es Schäfer außerdem, wie Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld die Unterbringung der Flüchtlinge organisiert. „Das funktioniert. In der Politik würde man sagen: ,geräuschlos‘.“

Überzeugen will der Neunundzwanzigjährige mit sachlicher Kritik. Befragt nach dem Oberbürgermeister, sagt er, er wisse nicht, „ob Peter Feldmann ein netter Kerl ist“, weil er ihn nicht gut genug kenne. Auf ihn wirke der SPD-Politiker aber immer grau und blass: „Wenn er in einen Raum kommt, drehen sich nicht sofort alle zu ihm um.“

Schäfer ist seit einem guten Jahr JU-Vorsitzender. Das Amt ist in Frankfurt keine Garantie für politischen Erfolg. Vorvorgänger Wolff Holtz (2005–2008) stellte sich selbst ins Abseits, indem er per Brief den Rücktritt des damaligen Fraktionsvorsitzenden Horst Kraushaar verlangte. Er trat später im Streit aus der Partei aus. Vorgänger Ulf Homeyer (2008–2014) dagegen ist auf dem Weg nach oben. Seit 2011 ist er Fraktionsmitglied, diesmal tritt er auf Platz sieben der Liste an, und in dem früheren Parteivorsitzenden und hessischem Kunst- und Wissenschaftsminister Boris Rhein hat er einen wichtigen Förderer. Schäfer wird aller Voraussicht nach die Gelegenheit bekommen, sich im Römer zu beweisen. Für sein Rennrad hat er dann nicht mehr so viel Zeit.

Von Tobias Rösmann  
 

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