Wiesmann: Der Kultusminister hat ein gutes Signal gegeben. Frankfurter Gymnasien brauchen die von der Landesregierung in Aussicht gestellte Abfederung. Neben einer Nachsteuerung für besondere Belastungen sollte auch eine Schulgesetzänderung für profilstar

Stellenumlenkungen in der gymnasialen Oberstufe

Bettina M. Wiesmann MdL
Bettina M. Wiesmann MdL
Wiesbaden/Frankfurt am Main, 1. März 2016 - Zur Diskussion um die Stellenumlenkungen in der gymnasialen Oberstufe in Frankfurt erklärt die Frankfurter Landtagsabgeordnete Bettina M. Wiesmann, Mitglied im Kulturpolitischen Ausschuss und Obfrau der CDU-Landtagsfraktion in der Enquête-Kommission „Kein Kind zurücklassen“:

„Frankfurter Gymnasien weisen besondere Rahmenbedingungen auf. Ich bin sehr dankbar, dass die Landesregierung den Hilferuf zahlreicher Frankfurter Schulgemeinden hört und nach Abschluss des Dialogprozesses eine Abfederung der Stellenumlenkungen in Aussicht stellt.“

 
„Frankfurter Gymnasien“, führt die Abgeordnete aus, „sind zum einen „Profilgymnasien“; sie pflegen wichtige Bildungsgüter, z.B. alte Sprachen, Musik, aber auch Naturwissenschaften und europäische Mehrsprachigkeit, und prägen das durchlässige, nach Begabung und Leistungswillen gestaltete Bildungswesen in dieser Stadt, von dem unser Land insgesamt profitiert. Gerade diese Gymnasien müssen sowohl in der Spitze als auch in der Breite ihres Angebots überzeugen. Eine altsprachlich oder naturwissenschaftlich ausgerichtete Schule muss sich unter allen Umständen sehr anstrengen, genügend überzeugte Schüler aus ihrem Einzugsbereich für sich zu gewinnen. Über das Profilangebot hinaus braucht es ein vernünftiges Kursangebot in den Standardfächern; zugleich müssen die Profilfächer verlässlich als Grund- und Leistungskurse angeboten werden. Um dies zu schaffen, setzen diese Schulen ressourcensparende Instrumente wie GK-LK-Kombikurse oder Koppelkurse gemeinsam mit benachbarten Gymnasien oder auch die Organisation der Einführungsphase im Klassenverband schon heute umfassend ein. Zum anderen sind es leistungsstarke „Breitengymnasien“, die darauf abzielen, durch unterschiedlichste Fördermaßnahmen einen möglichst hohen Anteil der zu ihnen kommenden Fünftklässler auch tatsächlich zum Abitur zu bringen. Bei einer Übertrittsquote von derzeit 56% der Frankfurter Viertklässler aufs Gymnasium ist diese „Halteaufgabe“ von höchster Bedeutung für die betroffenen Kinder und bedarf einer entsprechenden Ausstattung, zumal sie absehbar eher noch zunehmen wird.“
Gemeinsam, so Wiesmann, sei allen Frankfurter Gymnasien ihre überschaubare Größe, was zu ihrer Leistungskraft beitrage, aber Abfederungsmöglichkeiten durch Zusammenlegung von Kursen begrenze. Bedingt durch das unerwartet starke Wachstum der Schülerzahlen und der Übertritte aufs Gymnasium in der Stadt, seien diese Schulen zudem randvoll und nennenswerte Ressourcenpuffer nicht mehr vorhanden. „All diese Rahmenbedingungen müssen betrachtet werden, wenn die Einzelgespräche im Rahmen des Dialogprozesses mit dem Kultusministerium nun ausgewertet werden.“
 
 
Qualität und Vielfalt im größten Schulträgerbezirk“, fährt Wiesmann fort, „dienen der Leistungskraft des hessischen Bildungswesens insgesamt. Dank kluger Schulpolitik CDU-geführter Landesregierungen seit 1999 erfreut sich das öffentliche Schulsystem in Hessen einer Anerkennung und eines Zuspruchs, die es unbedingt zu erhalten gilt.“ Seit 1999 habe Hessen eine beispiellose bildungspolitische Kehrtwende hin zu Qualität und Vielfalt vollzogen. In Zeiten rückläufiger Schülerzahlen seien rd. 8.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen und die Grundunterrichtsversorgung von 82% auf landesdurchschnittlich 105% gebracht worden. Zudem habe die Abschaffung der sog. Sternchenregelung seit 2009 die Klassengrößen um 10% reduziert, was gerade Frankfurt und gerade den Unter- und Mittelstufen der Gymnasien zu Gute komme. Mit diesen und anderen Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung - zentrale Abschlussprüfungen, Schulinspektion, Vergleichsarbeiten, Entwicklung von Kerncurricula etc., aber auch in der frühkindlichen Bildung und Sprachförderung - sei es gelungen, das Leistungsniveau hessischer Schüler spürbar nach vorne zu bringen. Untersuchungen wie der PISA-Ländervergleich belegten diese Fortschritte gerade am oberen Ende der Leistungsskala, bei den Gymnasiasten, aber auch bei den Grundschülern. „Das Hessenabitur ist seinem früheren Ruf, ein Billigabitur zu sein, weit enteilt, – was nicht heißt, dass wir schon vollkommen zufrieden sein können, aber doch zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Diese gute Entwicklung heißt es fortzusetzen, auch in Zeiten neuer gesellschaftlicher Herausforderungen wie der zunehmenden Betreuungsanforderung von Familien oder der Aufnahme von Migranten.“
 
Zugleich zeige, hebt die Bildungspolitikerin hervor, gerade das Frankfurter Schulsystem die Vorzüge der Vielfalt auf. Frankfurter Schulkinder und ihre Eltern wählten nicht nur zwischen verschiedenen fachlichen Ausrichtungen von Schulen; ihnen ständen zudem verschiedene Wege zu verschiedenen Abschlüssen und daran anschließenden weiterführenden Bildungsetappen offen, ob im gegliederten Schulsystem oder integrierten Schulformen, ob an allgemeinbildenden oder beruflichen Schulen, ob im öffentlichen oder privaten Schulwesen. „Diese Vielfalt ist die bestmögliche Antwort auf die Verschiedenartigkeit unserer Kinder. Sie ist nicht überall in Hessen möglich, aber dort, wo sie besteht, ist sie uns kostbar. Deshalb ist eine behutsame Nachsteuerung bei den Stellenumlenkungen an Frankfurter Gymnasien auch nicht eine einseitige Lex Frankfurt, sondern der angemessene Umgang mit Hessens Interesse, alle Kinder, jedes dort, wo es lebt, unter den dort obwaltenden Umständen möglichst optimal zu bilden und zu fördern.“
 
Ich rege daher an, diejenigen Gymnasien spezifisch zu unterstützen, die durch gesellschaftliche Herausforderungen besonders belastet sind, z.B. demografische Faktoren wie starken Zuzug oder schnell wachsende Migrantengruppen oder auch besonders hohe Zugangsraten bei den Fünftklässlern. 
Eine weitere sinnvolle Maßnahme könnte darin bestehen, besondere Profile wie alte Sprachen, MINT, Musik oder europäische Mehrsprachigkeit mit einer besonderen Zuweisung zu unterstützen und die besondere Prägung dieser Schulen auch im Schulgesetz zu verankern. Dafür werde ich mich weiter einsetzen“, schließt Wiesmann ihre Stellungnahme.
 

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